Carsten & Elke Martens

Der schwarze Hund bellt wieder!

Eines vorweg: Ich war lange an einer akuten depressiven Episode erkrankt, bin aber seit gut 6 Jahren wieder Dienstfähig. Seit 5 Jahren nehme ich auch keine Medikamente mehr und fand mich so stabil – vielleicht zu stabil – das ich in der Arbeit wieder Gas gegeben habe und wohl doch in alte Muster gerutscht bin.

Nach meiner Depression und einer sechs-wöchigen Wiedereingliederung bin ich damals gut in der Arbeit angekommen. Und die Arbeit hat mir wieder Spaß gemacht. Ich nahm das erste Jahr noch Medikamente, ging regelmäßig zu Terminen bei meinen Therapeuten und wurde so immer stabiler das nach einem Jahr die Medikamente aus geschlichen wurden, und die Treffen zu unregelmäßigen Besuchen wurden und schließlich ganz aufhörten.

Ich trieb Sport und war gut drauf. Auch eine Trennung warf mich nicht aus meinen Leben. Eine Knie-OP steckte ich auch gut weg und schon drei Monate nach der OP joggte ich wieder. Und in der Arbeit? Klar, Überstunden? Mach ich! Zusatzdienste? Kein Ding! Ich merke nicht das ich mich wieder in die Arbeit stürzte. Wie auch, ich fühlte mich ja gut. Und ich lernte eine neue Frau kennen und lieben und wir haben geheiratet. Alles lief!

Dann kam eine zweite Knie-OP die ich nicht so locker wegsteckte und deswegen vor drei Jahren mit dem joggen aufhörte. Aber leider reduzierte ich nicht das essen, denn das Gewicht ging die letzten Jahre dramatisch hoch. Vielleicht auch ein Grund für meine jetzige Situation.

Klar hatte ich immer mal ein paar schlechte Tage, aber alles kein Problem. Ich hatte genug Kraft und Energie und psychische Stärke um das nach ein paar Tagen zu meistern.

Bis letztes Jahr im Januar mein Vater starb. Er war 82 Jahre alt geworden und hatte zu letzte schweres Alzheimer. Nach zwei Tage stürzte ich mich wieder in die Arbeit, erlaubte mir nicht sehr zu trauern. Es waren ja genug andere Dinge zu regeln. Das Studium meiner Frau, die Ausbildung und Schule der Kids, das liebe Geld…

Im September letzten Jahres dann – wie ich jetzt sehe – der erste Warnschuss meiner Psyche. Ich war müde, niedergeschlagen, kraftlos, leer. Ich ging früh auf die Arbeit- was mich Kraft kostete und die mich sehr reizbar machte – und nach der Arbeit gleich ins Bett. Ich schaffte es aber mit der Hilfe von Elke und dem Rest vom Wissen um meine Krankheit nach ein paar Wochen wieder auf die Beine zu kommen. Und weiter in der Arbeit Leistung bringen.

Irgendwie bin ich ja auch in einem Alter in dem man noch was erreichen will. Vielleicht schaffe ich es ja noch zu einem „Posten“ wenn ich mich nur richtig anstrenge; vielleicht bekomme ich ja doch noch eine Beförderung wenn ich genug Leistung zeige; das war mein Denken und vor allem mein Handeln der letzten Monate.

Bis ich in diesem Mai mitbekam das ein in ein paar Jahren frei werdender Platz für einen anderen Kollegen, der erst neu zu uns gekommen ist, reserviert wird. Wut, Trauer und Enttäuschung stieg in mir auf und je mehr ich diese Gefühle zu lies, desto mehr kam wieder die Abgeschlagenheit und Müdigkeit in mir hoch. Ich suchte aber trotzdem das Gespräch mit ein paar Kollegen. Wollte wissen warum? Wo ich noch mehr bringen könnte?Welche Zusatzdienste ich noch machen könne? Dort wurde mir gesagt das ich ja schon deshalb nicht für höhere Dienste in Frage käme da man ja damit rechnen müsse, das ich wieder „Blödsinn mache“, also krankheitsbedingt ausfalle. Das ich mir meiner Krankheit halt einfach nicht verlässlich bin.

Aha….eine Depression ist also „Blödsinn machen“. Und wenn ich zu Zusatzdienste eingeteilt wurde, war das mit der Verlässlichkeit kein Problem.

Das hat mich jedenfalls zurückgeworfen. Plötzlich, von einen Tag auf den anderen, kamen wieder die alten Zweifel. Ich fing an, an meiner Person zu zweifeln. Zweifelte an meiner Arbeit, checkte jeden Handgriff drei-viermal nach. Ich zweifelte an meinem Leben. Das Grau nahm wieder überhand. Ich wurde Müde. Ich wurde gereizter, unausgeglichener. Das Aufstehen wurde immer schwerer. Das Liegenbleiben immer attraktiver. Einschlafen wurde schwerer – die Gedanken fingen nachts das kreisen an – durchschlafen ging nicht mehr.

Nach Gesprächen mit Elke und meiner Ärztin machte ich wieder einen Termin bei einem Psychologen aus.Bereits beim ersten Gespräch war für ihn klar das ich wieder am Rande einer Depression stehe. „Ist halt eine Krankheit die in ihnen steckt und durchkommt wenn die Umstände passen“, meinte der Psychologe, und die Umstände haben gepasst das der Schwarze Hund wieder gros wurde und bellen kann. Mir wurden wieder Antidepressiva verschrieben – ich weiß, nicht jeder hält etwas davon, aber mir helfen sie – und zu regelmäßigen Therapiegesprächen geraten.

Ich nehme jetzt seit 4 Wochen meine Medikamente, in zwei Wochen habe ich einen Termin bei einem Therapeuten. Mir geht es nicht gut, aber auch nicht mehr so schlecht. Die Gedanken legen sich. Ich fange wieder an raus zu gehen und regelmäßig zu walken. Die Medikamente wirken also langsam. Beim Therapeuten muss ich also wieder das auffrischen was ich schon einmal gelernt habe:

  • Es ist wichtig zu arbeiten, aber die Arbeit darf nicht mein Leben bestimmen
  • Ich werde mehr Zeit für mich nehmen
  • Laufschuhe an und regelmäßig raus
  • Bei Dinge die ich nicht will, darf ich auch NEIN sagen
  • Und was und wer mich runterzieht darf gerne auf mich verzichten